Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Sie werden sich vielleicht fragen, wie und warum es zu dieser Brauer- Haggada gekommen ist. Die Vorgeschichte ist, dass ich Gefahr laufe in meiner Familie an Bedeutung zu verlieren. Alle Familienmitglieder sind rund um die Uhr beschäftigt und voll ausgelastet. Meine wunderbare Frau führt erfolgreich ein Theater, mein Sohn Marcel führt – ebenfalls erfolgreich – unsere internationale Firma, meine Tochter erzieht – ebenfalls erfolgreich – meine 2 wunderschönen und natürlich genialen Enkeltöchter und mein Sohn Daniel hat in Israel eine erfolgreiche Startup-Firma gegründet. Also habe ich überlegt, wie ich wieder gleichziehen kann. Aber natürlich ohne großen Aufwand – ohne Risiko- mit wenig Arbeit und es muss mich auch reich machen. Da hatte ich eine Idee. Ich werde ein Buch herausbringen. Mit einem bereits bestehenden großartigem Text, den man nicht neu schreiben muss und der in jedem jüdischen Haushalt unbedingt mehrfach vorhanden sein sollte. Warum mehrfach? – man bekommt ja schließlich Gäste zum Seder. Ein Buch, das sich auch rechnet. Denn ein gewöhnliches Buch amortisiert sich ja nicht. Wie oft liest man schon ein Buch? 1x -höchstens 2x im Leben. Aber eine Haggada wird ja ein bis zwei Mal im Jahr gelesen Also werde ich Arik Brauer überreden Meisterwerke zu malen – er arbeitet ja ohnehin leidenschaftlich und gerne und wird mir dankbar sein, unser Oberrabbiner wird kluge Kommentare schreiben – dafür haben wir ihm ja auch studieren lassen- und fertig ist ein Meisterwerk. Und so stehe ich jetzt vor ihnen – musste mich überhaupt nicht anstrengen, bin völlig entspannt und werde ein Vermögen verdienen.  Obwohl mich ein jüdischer Witz ein wenig unsicher macht: Treffen sich zwei Kaufleute. Sagt der eine: „Wie geht bei dir das Geschäft?“ Antwortet der andere: „Wie Mazzes in Oberammergau“Aber um ganz sicher zu gehen, dass diese Haggada auch perfekt wird, habe ich mir außerdem von Experten zuarbeiten lassen. Daher möchte ich mich jetzt ganz herzlich bedanken bei : Sabine Schimany-Bauer, Dr. Angelika Kofler, Caren Neil, Shmuel Barzilai, Alon Kupert, Vera Ribarich, Nick Somers, Georg Luksch, Rachel Udler-Langnas, Dr. Sinhuber vom Amalthea-Verlag und bei Dr. Danielle Spera und ihrem Team. Vor mehr als vierzig Jahren demonstrierten Menschen überall auf der Welt und auch in Wien unter dem Motto „let my people go“ für Ausreisegenehmigungen für sowjetische Juden. Zwei dieser Demonstranten waren damals Arik Brauer und ich. „Let my people go“ ist nichts anderes als eine Haggada, zusammengefasst als Schlagzeile – denn sie erzählt die Befreiungsgeschichte der Juden vor 3000 Jahren, als sie sich mit der Hilfe Gottes gegen den ägyptischen Pharao auflehnten, aus der Sklaverei befreiten und nach einer vierzigjährigen Wanderschaft in das gelobte Land gelangten. Sie sehen also: Gott ist Zionist  - genau so wie ich. Das hebräische Wort „Seder“ bedeutet „Ordnung“. Das ist wahrscheinlich eines der Erfolgsgeheimnisse unseres beliebtesten Festes, das auch die atheistischsten Juden bis heute gerne und aus Überzeugung feiern. Diese uralte Ordnung verbindet uns, durch die Religion, trotz der Religion, über alle Unterschiede hinweg – dank der Haggada, die wir beim Seder lesen. Das zweite Erfolgsgeheimnis liegt vielleicht darin, dass die Haggada so vieles ist: eine gute Geschichte mit Happy End – was für uns Juden keine Selbstverständlichkeit ist –, eine Legende und gleichzeitig ein Geschichtsbuch. Außerdem ist sie ein Gebetbuch, ein Liederbuch und eine genaue Gebrauchsanweisung, die uns Juden in unserer Verschiedenheit weltweit über alle Länder und Zeiten hinweg vereint. Die Brauer-Haggada ist aber vor allem ein Kunstwerk, genau genommen eine Sammlung von 24 Kunstwerken von Arik Brauer, die er eigens für dieses Buch geschaffen hat. Natürlich wäre keine Haggada komplett, würde sie nicht ein Rabbiner kommentieren. Der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg hat Antworten auf Fragen gefunden, die in der einen oder anderen Form wahrscheinlich immer wieder beim Seder auftauchen. Es ist ein zeitlich umfangreiches Unterfangen die Haggada im Kreise der Familie zur Gänze an einem Abend zu lesen. Daher wird verbotenerweise in manchen Haushalten ein wenig geschummelt. Die extremste Variante wurde mir wie folgt zugetragen: Der Hausherr steht auf, macht Kiddusch und sagt: „Sie wollten uns umbringen – wir haben mit Hilfe Gottes gewonnen- kommt lasst uns essen. Amen  Bei uns zu Hause wäre das nicht möglich gewesen. Meinen Eltern waren unsere Traditionen wichtig. Es ging ihnen weniger um die Regeln als um die Inhalte unserer Religion und Kultur. Ich kann mich aus meiner Kindheit erinnern, wie der Seder gerochen hat, wie sich diese Tage angefühlt haben, wie schön es war, die vielen Gäste im Haus zu haben, wie die Mazzesknödel geschmeckt haben. Ich höre noch wie damals und jedes Jahr wieder die Lieder. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, weil ich als Kind beim Seder so ernst genommen wurde und die Kasches, die vier Fragen, stellen durfte. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich Wein – gleich vier Gläser – getrunken habe. Auch unvergessen bleibt für mich, wie bedeutend ich mich alljährlich fühlte, wenn ich meinem Vater den Afikoman entwendete und ihn dann, nach harten Verhandlungen, wieder zurückgegeben habe, um mein Geschenk dafür zu erhalten. So habe ich Pessach als Kind erlebt und empfunden. Unsere Gäste damals waren arm oder reich, religiös oder auch nicht, sie waren einsam oder hatten einen anderen Grund, selbst keinen eigenen Seder feiern zu können. Dieser Abend vermag wie kein anderes jüdisches Fest seit Jahrtausenden immer wieder Verbundenheit unter den so verschiedenen über die Welt verstreuten Juden entstehen zu lassen. Heute ist der Seder, nicht nur für mich, sondern wahrscheinlich für alle Juden ein noch viel wichtigeres Fest, denn seit es den Staat Israel gibt, haben die Worte „nächstes Jahr in Jerusalem“ eine ganz andere, wunderbare Bedeutung. Wir haben über die Jahrhunderte hinweg, auch in den verzweifeltsten Zeiten tiefster Erniedrigungen die Haggada gelesen. Damals erzählten wir uns die Befreiungsgeschichte in Sehnen und Hoffen, heute als freie Menschen, die wirklich „nächstes Jahr in Jerusalem“ sein können. Eine Schlüsselstelle der Haggada – vehih sche amda – besagt, dass es zu jeder Zeit in jeder Generation jemanden gegeben hat, der uns Juden vernichten wollte. Für mich bedeutet diese Stelle eine Erinnerung, eine Mahnung, zu keiner Zeit zu vergessen und aufmerksam im Auge zu behalten, was um uns herum vorgeht, und wehrhaft zu bleiben. Dieses Gefühl hat mich mein Leben lang begleitet und stark gemacht, und ich empfinde es jedes Jahr aufs Neue. Ledor va dor. Von Generation zu Generation: Mein Großvater hat es im Schtetl meinem Vater gelehrt, mein Vater mir und ich wünsche mir, dass ich es auch meinen Kindern weitergeben konnte und dass sie es den ihren vermitteln werden.

Danke