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Was heißt in Israel schon »normal«?

In ganz Israel trauerten die Menschen um Shiri, Ariel und Kfir Bibas. (imago images/Middle East Images)
In ganz Israel trauerten die Menschen um Shiri, Ariel und Kfir Bibas. (imago images/Middle East Images)

Israel war noch nie ein »ganz normales Land«, aber Israelis lieben trotz des vielen Schmerzes das Leben.

Ich bin gerade wieder in Tel Aviv. Ich werde dann immer, auch diesmal, von Menschen außerhalb Israels gefragt: »Wie ist es denn jetzt da?!«

Wie beschreibt man das Lebensgefühl, das tägliche Leben in einem Staat, der seit seiner Gründung immer angefeindet und bekriegt wurde und auch heute keinen einzigen Tag Frieden kennt? Es war immer schon »ein ganz normales Land, aber nur fast« und schwierig zu erklären. Jetzt, nach dem Pogrom vom 7. Oktober 2023, ist es fast unmöglich geworden. Wie kann man einen Tag beschreiben, an dem die winzigen, weißen Särge von »mit bloßen Händen ermordeten« Kleinkindern aus der Geiselhaft nach Hause gekommen sind?

Die Menschen standen in den Straßen Spalier, viele mit ihren eigenen Kindern im Alter der Ermordeten. Menschen, die den Schmerz wie eine zweite Haut tragen. Weinende Menschen, welche die Kinder und deren Mutter in den Särgen, die wie ein Symbol für viele von ihnen stehen, gar nicht kannten. Ihr grausames Schicksal hätte jederzeit jeden von ihnen treffen können. Hat es auch. Blumen. Kerzen. Stille. Ein letzter Weg entlang am kollektiven Schmerz. Es tut so weh!

Aber da ist auch ein tiefes Gefühl von Liebe und Würde und unablässigem Willen, auch die verbliebenen Geiseln, die lebenden wie die toten, wieder nach Hause zu holen.

Diese winzigen Särge von Ariel und Kvir Bibas haben vielleicht auch in der breiteren Öffentlichkeit außerhalb Israels mehr Menschen berührt, als es die weitentfernten, gequälten und ermordeten Geiseln irgendwo im Nahen Osten, irgendwo in den Tunneln der Hamas, normalerweise tun. »Normal« ist, dass sich das Begreifen des Leids auf die flüchtige Wahrnehmung von stumpflassenden Nachrichtenmeldungen beschränkt. Für einen Wimpernschlag lang haben sich dieses eine Mal vielleicht auch ein paar Herzen geöffnet, die »normalerweise« kalt bleiben und nur ideologisch oberflächlich und halbwissend »ja, aber … Siedlungspolitik«, »ja, aber … auch Palästinenser«, »ja, aber … irgendwas, eh alle gleich« intonieren.  

Ist das ein Hoffnungsschimmer? Hat ein Moment öffentlicher Empathie auch außerhalb Israels dem Tod der Opfer Sinn verliehen? Ich glaube es nicht. Ich für meinen Teil kann kaum mehr hoffen.

Ein tagtägliches Wunder

Aber ich sehe auch, immer wieder, was Leben in Israel darüber hinaus bedeutet. Für europäische Begriffe blankes Chaos und akrobatische Improvisation. Genau das habe ich gerade gestern wieder einmal erlebt, als meine Frau mit der Ambulanz in das größte israelische Spital Ichilov gebracht wurde und dort eine Nacht verbringen musste: Ein Gewusel jüdischer und arabischer Ärzte, Pfleger und Patienten wie in einem Breughel-Bild. Hier fühlt man sich wie in einem Lazarett. Es ist nicht so, wie man es aus europäischen Spitälern kennt und wirklich kein Zuckerschlecken, dort landen zu müssen. Aber irgendwie schaffen sie es, jeden Patienten gut und, oh Wunder, professionell zu versorgen.

Leben in Israel bedeutet jeden Tag Krieg, wieder einen beginnenden Wahlkampf, einen immer harten Alltag, der auch wirtschaftlich täglich an ein Wunder grenzt. Auch die Elite des Landes ist an der Front. Alle sind nachrichtengeil, hängen immer und ständig an den Bildschirmen und verfolgen die neuesten Entwicklungen, die eine Minute später schon wieder obsolet geworden sind. Es gibt kein »normales« Leben in Israel, wie wir es in Europa definieren. Das wird es auch nie geben.

Gleichzeitig spüre ich diese grenzenlose Kraft zum Leben und zur Lebensfreude. Auch das ist eine Konstante, trotz und gerade wegen der gebrochenen, traumatisierten, verzweifelten Menschen, die in den Straßen stehen, trauern und weiterkämpfen, sich an der Fahne Israels festhalten und immer, immer weitermachen – Sabres eben (Anmerkung der Red.: geborene Israelis, benannt nach der außen stacheligen, aber innen süßen Kaktusfrucht).

Wir sind nirgends sicher. Aber hier ist es niemandem egal, wenn einer von uns ermordet wird. Deshalb liebe ich diese Menschen und dieses Land. Deshalb bin ich froh, dass ich jederzeit hierherkommen kann, egal, was uns noch blüht.

Wir sind Juden. Wir feiern nicht den Tod, wir feiern das Leben. Trotz allem, das uns geschieht. Das ist vielleicht die Essenz dessen, was Sie wissen müssen, wenn Sie mich wieder einmal fragen: »Wie ist jetzt gerade die Situation in Israel?«

Ich möchte Ihnen zum Schluss einen Text ans Herz legen, den es nicht geben sollte: die Rede von Yarden Bibas bei der Beerdigung seiner Frau Shiri und der beiden Kinder des Paares, Ariel und Kfir.

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