Echo - J├╝disches Echo

Weder dankbar noch unglücklich

Dezember 2008, Das jüdische Echo

"Ich möchte durch mein gutes Leben nicht abstumpfen. Ein Foto des Horrors trage ich immer bei mir"
Von Erwin Javor

Zwei Juden, die in den 40er-Jahren aus Österreich nach Amerika geflüchtet waren und so im letzten Moment dem Tod entrinnen und ein neues Leben beginnen konnten, treffen sich in New York auf der Straße. Fragt der eine: "Wie gehts dir in der Neuen Welt, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten?!" Sagt der andere nach kurzer Überlegung: "Was soll ich sagen ... Dankbar! ... Und unglücklich."

Normalerweise erinnert man sich an wenig aus seinen ersten Lebensjahren, aber ich weiß noch genau, was ich 1950 empfand, als ich drei war: Ich wusste zwar nicht, was, aber irgendetwas nicht Alltägliches war geschehen. Auch was es bedeutete, habe ich erst sehr viel später verstanden. Während es sich ereignete, wusste ich nur, dass etwas sehr Entscheidendes und Gefährliches vor sich ging. Je mehr meine Familie sich bemühte, beruhigend auf mich einzuwirken - obwohl ich zunächst ja gar nicht aufgeregt war -, je mehr sich ihre Verzweiflung und Todesangst auf mich übertrug, wurde mir das bewusst. Heute weiß ich, dass ich mit meinen Eltern und meiner 14 Jahre alten Halbschwester Eva vor dem Kommunismus aus Ungarn nach Wien geflüchtet war.

Den Krieg hatte Eva als Kind unter den widrigsten Umständen mit meiner Mutter im Ghetto überlebt. Ihr "Bett" war unter dem Esstisch, sie waren mit etwa 30 anderen in einer 80-Quadratmeter-Wohnung zusammengepfercht. Sie waren dort, wo Menschen geschlagen, verschleppt, entwürdigt und umgebracht wurden. Weil sie Juden waren. Eva vermisste ihren Vater. Er kam nie zurück, wurde in einem Arbeitslager ermordet. Wie viele Shoah-Überlebende hatte meine Schwester Demütigungen erlebt, die sie nie wieder abschütteln konnte, die sie, als ihr bloßes Leben wieder sicher war, mehr niederdrückten, als ihr ihr Leben lieb war.

Nach dem Krieg lernte meine Mutter meinen ebenfalls verwitweten Vater kennen. Seine erste Frau war in Polen von österreichisch angeführten Nazis ermordet worden. Er war gemeinsam mit seinem Bruder auf abenteuerlichste Weise durch halb Europa geflüchtet und schließlich in Budapest gelandet. Dort erlebte er das Ende des Krieges und den Beginn der kommunistischen Diktatur. Meine Eltern, mittlerweile verheiratet, hatten dann nur mehr ein großes Ziel vor Augen: endlich sicher in einem freien und friedlichen Land zu leben. Zu leben! Also flohen wir aus Budapest nach Wien, unsere Zwischenstation auf dem Weg in die USA. Es war nicht geplant, länger in Österreich zu bleiben, als nötig war, um die Visa-Formalitäten für Amerika zu erledigen, aber diese Prozedur dauerte länger als erwartet.

 

EVA UND DIE BEFREIUNG DER SEELE
Meine Schwester hatte sich in dieser monatelangen Wartezeit, in der sie in Wien in die Schule ging, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, wieder ohne dazuzugehören, einer zionistischen Jugendorganisation angeschlossen. Dort fand sie Hoffnung auf die Befreiung ihrer Seele. Von den Nazis hatte sie gelernt, dass Juden sich vor körperlicher Arbeit drücken würden, feig seien und nichts wert wären. Jetzt sah sie plötzlich die Möglichkeit, allen, vor allem sich selbst, das Gegenteil zu beweisen. Sie schöpfte Kraft in dem idealistischen Traum der Gründung Israels, in der Vision, der israelischen Armee beizutreten, die den Juden das unumstößliche Recht auf Ehre und Sicherheit erkämpfen würde. Sie wollte sich in einem Kibbuz die Finger blutig arbeiten, zusehen, wie die Wüste grün würde, um die Scham, die furchtbare Scham loszuwerden. Das rationale Wissen, ein Opfer gewesen zu sein, hatte ihr nicht geholfen. Darum wollte sie Opfer bringen, für Israel, und so die Chance bekommen, sich stolz statt erniedrigt zu fühlen. Sie wollte etwas tun und fühlen, das größer und mächtiger war. Nur an dem Gedanken, mit einem der Jugendtransporte Alijah zu machen, konnte sie sich noch festhalten und aufrichten und das, was sie durchlebt hatte, ertragen.

Aber meine Eltern hatten andere Pläne, und natürlich konnten sie es einer Halbwüchsigen nicht erlauben, allein nach Israel auszuwandern. Eva brachte sich um. Sie stürzte sich aus dem Fenster, ihre Verzweiflung war nun endgültig zu grenzenlos. Meine Großmutter, die eigentlich in Budapest bleiben und dort ihren Lebensabend verbringen wollte, floh nun auch unter abenteuerlichen, lebensgefährlichen Umständen nach Wien, um uns beizustehen. Das bedeutete zu dieser Zeit eine Reise ohne Umkehr. Wäre sie wieder nach Ungarn zurückgekehrt, hätte eine langjährige Gefängnisstrafe wegen Republikflucht auf sie gewartet. Ein Visum für Amerika bekam sie nicht, dafür war sie zu alt. Damit wurde Wien für uns alle vom Wartesaal zur Endstation.

Mein Vater hatte sich nie vorstellen können, in einem Land zu leben, wo Deutsch gesprochen wird. Er hatte den Klang der deutschen Befehle, die den Großteil seiner Familie ausgerottet hatten, noch zu deutlich in den Ohren, er war selbst dem Tod nur durch Zufall entgangen. Jetzt war die Familie genau da gestrandet, und genau diese Sprache mussten wir nun alle lernen. Meinen Eltern gelang es mit viel Kraft und Fleiß, für die Familie in Wien eine Existenz im Textilhandel aufzubauen. Mit der Zeit brachten sie es vom Untermietkabinett mit stundenweiser Küchen- und Badbenützung zum Wohlstand.

Mir ist es in den letzten 40 Jahren ebenfalls gelungen, etwas aufzubauen und aus einem kleinen, überalteten Stahlunternehmen mit einer Handvoll Mitarbeitern, das unter den Nazis "arisiert" worden war, eine internationale Firma mit 700 Mitarbeitern in neun Ländern zu machen. Die Nazis hatten es anders geplant. Das Unternehmen trägt bis heute den Namen des Firmengründers, der 1938 vertrieben wurde und in der Emigration verstorben ist. Wenn meine Familie in Österreich in den 50er-Jahren dieselbe Ablehnung alles Fremden erlebt hätte, wie sie heute wieder, wenn auch in verschiedenen Abstufungen, salonfähig geworden ist, wäre es anders gekommen. Dann hätte ich wahrscheinlich meine Firma woanders aufgebaut. Ohne hochnäsig erscheinen zu wollen, ist es auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass mir das woanders ebenso geglückt wäre. Dasselbe gilt auch für die Arbeitsplätze, die mein Unternehmen mittlerweile, nicht zuletzt in Österreich, geschaffen hat.

In seinem galizischen Schtetl hatte mein Vater gesehen, wie geachtete, gelehrte fromme Juden von SS-Schergen gezwungen wurden, aufeinander zu reiten. Sie wurden buchstäblich in die Knie gezwungen und mussten auf allen Vieren kriechen. Besonders schwere andere Juden mussten sich als Jockeys auf sie setzen und dann unter dem Gaudium der Nazis um die Wette "reiten". Da begann mein Vater zu zweifeln und sich zu fragen, ob die Nazis nicht vielleicht doch Recht hatten. Waren wir nicht wirklich Untermenschen? Wie konnte es sonst sein, dass die, die er bisher wegen ihrer Bildung und Weisheit so bewundert hatte, so tief sinken konnten? Und was war aus ihm selbst geworden? Wie konnte er diesem Treiben zusehen, ohne zumindest zu versuchen, und sei es mit bloßen Händen, auf die Verbrecher loszugehen? Irgendwann hatte die brutale Gründlichkeit der Nazi-Gehirnwäsche nicht nur die Täter überzeugt, sondern auch ihre Opfer. Sie begannen sich wie die Untermenschen zu fühlen, als die sie behandelt wurden. Es wurde "Normalität", und die eigentliche Normalität wurde bizarr und irreal.

Nach dem Krieg sah mein Vater einen einzelnen, mit einer Maschinenpistole bewaffneten russischen Soldaten, der hunderte deutsche Gefangene bewachte. Sie waren genauso verdreckt, verängstigt, gebückt und erniedrigt wie vor ihnen die Juden. Hunderte Deutsche hatten sich auch nicht gewehrt - gegen den einen Russen. Erst da begriff mein Vater, dass jeder, egal wer, in der entsprechenden Situation zum "Untermenschen" gemacht werden kann. Viele Shoah-überlebende trieb der Wunsch an, erklären zu wollen, wie und was Juden wirklich seien. Sie wollten unbedingt zeigen, dass die Nazis sich geirrt hatten. "Juden sind anders, nicht so, wie sie dargestellt werden" war ihre Botschaft. In gewisser Weise versuchten sie so, verzweifelt ihre Selbstachtung im Zerrspiegel der Mörder wiederherzustellen. Diese Generation bemühte sich auch nicht um Restitution, sie wollten nicht so wirken, wie die Nazis sie gezeichnet hatten, als gierig und unversöhnlich.

 

UNFASSBARE SPANNBREITE AN GEFÜHLEN

Aber meine Eltern gehörten auch zu der Generation, die aus Sümpfen und Wüste Israel, den eigenen Staat der Juden, aufgebaut und sich gegen eine militärische Übermacht behauptet hatte. Die überlebenden der Shoah hatten innerhalb weniger Jahre in tiefste, unvorstellbare menschliche Abgründe gesehen. Sie waren es aber auch, die den Traum der Gründung Israels verwirklicht hatten. Sie überlebten die Höllen der Erniedrigung und erlebten den ekstatischen Höhenflug, stolze Israelis zu sein. Eine unfassbare Spannbreite an Gefühlen. Meine Schwester aber fühlte sich um Israel betrogen, und erst dann verlor sie ihren Willen zu leben. Meine Generation hat diese Abgründe nie am eigenen Leib verspürt. Die Generation der Söhne und Töchter der Überlebenden ist anders. Viele rechtfertigen sich nicht mehr, bemühen sich nicht mehr, Nazibilder von Juden geradezurücken, und buhlen nicht mehr um das Wohlwollen der Antisemiten. Aber ihre Identität steht trotzdem in enger Verbindung zu den Tätern. Sie definiert sich trotz der Nazis - und damit letztlich genauso über sie.

Der Referenzpunkt ist derselbe. Wir sind keine Shoah-überlebenden, aber wir sind Shoah-Geschädigte. Unsere Eltern haben uns gelehrt, dass ein Koffer besser immer gepackt bleiben sollte. Dass wir sehr genau hinsehen sollen, wenn wir in jemandem einen Freund vermuten. Dass wir uns immer vorstellen sollen, wie er sich verhalten hätte. Urvertrauen, Geborgenheit und Wurzeln, konnten wir so nicht entwickeln. Eine weitere Generation später können es unsere Kinder auch nicht. Wer hätte es sie auch lehren können? Ich habe drei Kinder, eines davon lebt in Israel, eines in den USA, eines ist mehr unterwegs als irgendwo. So wie viele ihrer Freunde, die Kinder meiner jüdischen Freunde. Woran sollen sie sich halten, um zu bleiben? Ihre Welt, wie die meine, ist sicherheitshalber darauf ausgelegt, mobil zu sein.

 

DIE BRIEFTASCHE UND EIN FOTO: GEGEN DIE VERSUCHUNG

Ich habe immer eine bestimmte Art von Foto in meiner Brieftasche. Wenn es zerfällt, wechsle ich es gegen ein anderes aus, aber das Sujet ist immer ähnlich. Im Moment trage ich ein Bild bei mir, das einen frommen Juden zeigt, der gerade verprügelt wird. Er ist umringt von einer Horde seiner Peiniger. Sie können sich vor Lachen kaum halten. Ich trage dieses Foto nicht deshalb bei mir, weil ich unversöhnlich und bitter bin, sondern weil ich nicht durch mein gutes Leben abstumpfen und meine Sensibilität verlieren möchte. Es geht mir hier (zu) gut. Ich habe eine wunderbare Frau an meiner Seite, meine Kinder sind gescheit und gesund, ich habe anständige und intelligente Freunde, und ich führe ein sicheres Leben in Wohlstand. Und gerade deshalb will ich auf der Hut sein, damit ich meine Instinkte nicht verliere. Diese Bilder des Horrors, die ich bei mir trage, sollen mich daran erinnern, wer ich bin und wie es solchen wie mir ergehen kann, wenn wir der süßen Versuchung nachgeben, uns von guten Zeiten einlullen zu lassen.

Dass wir Juden hier endgültig Wurzeln schlagen, kann ich mir bis heute nicht vorstellen - genauso wenig, wie es sich viele meiner nicht-judischen Mitbürger vorstellen können, dass wir keine Fremdkörper mehr waren. Meine galizischen und ungarischen Großeltern ebenso wie meine Eltern haben sich immer wieder, und immer wieder vergeblich, erhofft, dass es klappen würde. Wie kann ich dran glauben, wissend, dass sie sich geirrt haben? Jedes Mal. Ich kann nicht daran glauben, dass es einmal anders wird. Und leider werden es meine Kinder auch nicht können. Den Zeitpunkt zu erkennen, wann es wirklich so weit ist, zu gehen - und wohin -, ist schwierig. Auch unsere Eltern und Großeltern haben es nicht immer gewusst. Schlimmer: Viele haben es verabsäumt.

Jeder hat seine persönlichen Indikatoren. Meine sind ganz einfach: Solange Armin Thurnher noch schreiben darf, was er will, und Manfred Deix nicht daran gehindert wird, das zu zeichnen, was auch ich sehe, kann ich noch bleiben. Meine Familie hat diesem Land viel zu verdanken, und wir konnten, wie ich glaube, auch viel wieder zurückgeben. Wenn ich wöchentlich im Cafe Imperial meine Melange trinke, im Musikverein ein Konzert höre, bei Betriebsfeiern in meiner Firma zufriedene Gesichter meiner Mitarbeiter sehe, unermüdlich für meine Austria die Daumen drücke oder - selten, aber doch - in der Steiermark wandern gehe, dann geht es mir gut. Dankbar bin ich nicht. Aber sicher auch nicht unglücklich.